81 Wissenschaft, Weltgeist und Gott

Voyager II – Jenseits der siebten Sphäre

Gemeinhin wird eine grundsätzliche Ablehnung eines abrahamitischen Gottes durch die Wissenschaft angenommen. Doch diese Annahme ist oberflächlich und geht am Kern des Gedankens vorbei.


…lesen Sie dies und mehr in: Gedankenspiele 3


Die Naturwissenschaft stellt zwar Fragen nach der Beschaffenheit und den Mechanismen der Welt und dringt damit auf Terrain vor, das ursprünglich von der Religion bestellt und mit Deutungshoheit belegt war. Doch obwohl oft so dargestellt, ‘verdrängt’ die Naturwissenschaft Gott nicht aus der Welt, indem sie explizit oder implizit durch ihre Erkenntnisse behauptet, sie könne keinen Gott mit ihren Mitteln in der Welt finden und daraus schlussfolgerte, es gäbe schlicht gar keinen. Zwar ist wahr, dass die naturwissenschaftliche Systematik der Elemente die Ordnung der dinglichen Sphäre viel detailierter und prognostisch schärfer zu erklären und vorherzusagen weiß, als die altmodische Einteilung in die vier aristotelischen Elemente. Zwar zwingen die Erkenntnisse der Astronomie und Raumfahrt geradezu dazu, Gott und die Engelsschaaren aus der Siebten Sphäre, dem siebten Himmel, zu verbannen.

Gelang nicht alleim dem Ketzter Gallilei das Kunststück, zu zeigen, dass in den Himmeln Objekte auch um andere als die von Gott als Zentrum allen Seins geschaffene Erde kreisen, sondern legte er damit nicht auch die Fundamente zu einer Entwicklung der Himmelsbeobachtung, die schließlich fanden, dass jenseits der sechsten Himmelsspäre des Saturn, in der siebten der Planet Uranus und in der achten dann noch der nicht minder gewaltige Planet Neptun seine Bahn ziehen. So musste die himmlische Harmonie der magischen Zahl sieben, die beinahe wie zwingend die Heimstatt Gottes sein musste, einer viel profaneren Sichtweise weichen, die inzwischen sogar durch aktive Besuche der Sonde Voyager bei diesen Planeten nicht nur theoretisch und modellhaft erklärt, sondern regelrecht mit den weitreichenden Fingern der Raumfahrt dinglich begreifbar geworden ist. Wir haben regelrecht erste Hand an diese Objekte gelegt, sind sogar auf einem Mond des Saturn, dem Titan, weit ab unserer Einflusssphäre gelandet und haben dort Bodenproben genommen.

Doch all das will nicht sagen, schickt sich nicht einmal an, sich diesem Thema zu widmen, das Gott nicht existierte. Allein den unterschätzten Umfang seiner Schöpfung lernen wir mit einer Taschenlampe auszuleuchten. Es gibt keine Naturwissenschaftliche Anti-Theologie. Naturwissenschaft beschränkt sich klug und absichtlich auf all die Dinge, die messbar und fassbar sind. Jeder, der Naturwissenschaft als komplettes und vollständiges Weltbild begreift, missversteht ihre Absicht und ignoriert ihre eigene skeptische Selbstbeschränkung. Anders herum betrachtet muss ein naturwissenschaftliches Weltbild notgedrungen unter dieser Selbstbegrenzung leiden. Im Grunde müsste man die Naturwissenschaft umbenennen zur Materiewissenschaft. Denn genau damit befasst sie sich. Natur ist vielleicht viel mehr als nur Materie. Und der kritische Naturwissenschaftler ist sich dessen bewusst. Nur der Scharlatan besteht darauf, dass seine Wissenschaft die gesamte Welt sich anschickt zu begreifen. Da die Wissenschaft sich bewusst nur auf die Teilmenge alles Existierenden bezieht, die materiell und messbar und objektivierbar ist, befasst sie sich eben nicht mit den geistigen und esoterischen Erscheinungen der Welt, will das ganz bewusst nicht, letztlich, weil ihre Methodik auf diesem Felde scheitern muss.

Die Auslegung, diese bewusste und bewusst bescheidene Selbstbegrenzung käme einer Ablehnung eines Gottes oder eines Weltgeistes gleich, ist eine schlichte Überinterpretation. Die Naturwissenschaft, die Materiewissenschaft hat ein ganz anders gelagertes Problem mit Gott. Die Annahme eines allmächtigen Gottes und das Ableiten von Zusammenhängen und scheinbaren Gesetzmäßigkeiten der materiellen Welt vertragen einander nicht. Denn erlaubt man in einem nach materiellen Gesetzen funktionierenden Universum einen allmächtigen Gott, also insbesondere einen, der in der Lage ist, diese Gesetzmäßigkeiten zu verändern und damit Wunder zu wirken, so macht wissenschaftliches Arbeiten keinen Sinn mehr. Die Naturwissenschaft muss, ist gezwungen, anzunehmen, dass die Zusammenhänge, die sie findet ausnahmslos sind und stets zutreffen, also für jedermann überall auf der Welt und überall im Universum so prüfbar und bestätigbar sind. Das ist nicht weniger als der Anspruch den die Suche nach objektivem Wissen an sich selbst stellt. Und nichts anderem widmet sich die Naturwissenschaft, als diesem objektivem, jedem Beobachter sich eröffnenden und erkennbaren Fakten, den intersubjektiven Dingen, den unstrittigen sozusagen, alles ignorierend, was Meinung, Vision, Erlebnis oder Schein und Traum ist oder sein könnte. Bräche nun ein Gott diese Regeln, würde er mit einem Wunder – also einem Bruch der bekannten Regeln der Natur – eine Ausnahme zu den Regeln schaffen, kann sie nach dem gestrengen naturwissenschaftlichen und logischen Paradigma, dass nur eine bewiesene Ausnahme die All-Aussage erfolgreich anzweifelt, die Regel zerbrechen. Die Annahme des Wirkens eines Gottes macht also Naturwissenschaft unmöglich und sogar unsinnig. Dergestalt ist die Natur des Zwistes zwischen den Naturwissenschaften und einem personifizierten abrahamitischen Gott, der mit einem eigenen Willen ausgestattet ist. Die Naturwissenschaft lehnt ihn nicht ab, sondern kann nur sinnvoll ihrer Arbeit nachgehen, wenn sie voraussetzt, dass ihr kein allmächtiger Gott ‘ins Handwerk pfuscht’.

Nun finden sich immer wieder Naturwissenschaftler und solche, die es sein wollen, die reine Materialisten sind und alle Existenz jenseits des Materiellen ablehnen. Auch hier liegt eine Unsauberkeit in doppelter Hinsicht vor: zum einen haben diese Wissenschaftler ihr Fach und ihre Aufgabe nicht verstanden. Ihre Aufgabe ist es, soweit als möglich die Welt zu erkunden und der Natur der Dinge auf den Grund zu gehen. Wie soll dies gelingen, wenn sie von allem Anfang an den Öffnungswinkel ihre Blickes soweit einengen, dass darin nur noch das ihnen bekannte Platz findet? Zweitens erheben sie damit das naturwissenschaftliche Paradigma auf den Status des Dogmas, was gegen jedes Grundgesetz naturwissenschaftlichen Denkens verstößt.

Umgekehrt ist die Wahrheit: jeder Naturwissenschaftler muss sich in Bescheidenheit üben und seine grenzen erkennen. Doch wer behauptet diese Grenzen seien nicht nur die Grenzen seiner eigenen Erkenntnisfähigkeit und seiner Methode die er anwendet, sondern diese Grenzen seien die Grenzen dessen was ist, der überschreitet empfindlich seine Kompetenzen.

Insofern ist die Annahme einer geistigen Welt, die von der naturwissenschaftlich-materiellen verschieden ist, nur dann kontrer zu Naturwissenschaft, wenn man diese als dogmatische Religion verkennt. Wer Naturwissenschaft als ein erfolgreiches System zum Erkenntnisgewinn versteht und ihre Grenzen nicht als die Grenzen der Welt, sondern nur die der eigenen Erkenntnisfähigkeit begreift, der kann eine geistige Welt nicht ausschließen, auch wenn er sich mit dem naturwissenschaftlichen Rüstzeug und Paradigma diesen Dingen nicht wird annähern können.

Damit besteht also ganz offenbar auch kein Widerspruch zwischen einem Weltgeist, der, anders als der abrahamitische Gott keine Wunder im Sinne von Verstößen gegen überall auffindbare Naturgesetzmäßigkeiten vollzieht und trotzdem die Welt um eine geistig esoterische Komponente bereichert, an der mit Geist beseelte Wesen teilhaben können.

Nun stoßen wir auf zwei neue Fragen: Erstens, worin mag die naheliegende und implizite Unterscheidung zwischen beseelten und unbeseelten Wesen bestehen, die traditionell zwischen dem Menschen und allen andern Tieren gezogen wird? Die Schlussfolgerung hier ist eindeutig. Es gibt nach allen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen keinen Grund, anzunehmen, der Mensch sei mehr beseelt als alle anderen Tiere und Pflanzen. Nimmt man den Weltgeist an, so sind alle Wesen Teil seiner und damit alle von gleichem Wert.

Die Zweite Frage ist: Ist die Annahme von Naturgesetzen keine ganz falsche? Man betrachte sich, wo die Naturwissenschaft ihre Wurzeln hat: im christlichen Abendland. Das Verständnis von Naturgesetzen als Gesetze der Welt ist allzu sehr noch geprägt von der Annahme des Gesetzgebers – des abrahamitischen Gottes. Hier wäre ein viel weicherer Begriff vielleicht bescheidener, etwa, die Naturgewohnheit, auch wenn sie noch immer starke animistische Konnotation beinhaltet. Es ist einem erweiterten Weltbild nicht zuträglich, die beobachteten Regelhaftigkeiten der Natur zu Gesetzen zu stiliseren, denn in der Gänze des beobachtbaren Universums, verfügen wir nur über einen sehr sehr sehr kleinen Raum, um dort das Eintreten jener Regelhaftigkeiten immer wieder zu verifizieren. Doch die Strenge des naturwissenschaftlichen Paradigmas fordert, dass nur einmaliger und reproduzierbarer Verstoß gegen eine als Theorie vorliegende Regel, deren Ende bedeuten muss. Zwar liegen Beobachtungen und Interpretationen derselben vor, die nahelegen, dass auch in viel weiter entfernten Strukturen im Universum die Materie denselben Regehaftigkeiten folgt, doch der Zwischenschritt der Interpretation lassen einen Restzweifel bestehen.

Es ist sicherlich vorsichtiger und klüger, die Regelhaftigkeiten als ‘Gewohnheiten’ der Natur zu betrachten, deren Übertretung vorkommen kann, jedoch nur selten. Gerade die philosophischen Fragen, die die Quantenmechanik aufwirft, legen nahe, dass in der Welt auch Zufall und ganz andere Formen der Entscheidung wirken können, als die klassische Mechanik und deren starre Kausalität uns träumen hätte lassen.

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siehe auch:

Wissenschaft, Weltgeist und Gott

Lieber Gott oder böser Teufel

Welt, Leben und Tod

Buddha, Haenel, Bohr und Steve Jobs