70 Logik, Wissenschaft und Religion

Russel - Antinomie

Logik, als Königsweg für richtiges Schließen ist in aller Munde. Angeblich sind viele Überlegungen und Entscheidung logisch oder logisch begründet. In der Praxis ist dies freilich seltener der Fall, da allzu oft Logik und sprachliche Plausibilität nicht klar voneinander getrennt werden.

Neben den bekannten Regeln für korrektes – i.e. logisches – schliessen hat die Logik aber auch noch einige Überraschungen parat.


…lesen Sie dies und mehr in: Gedankenspiele 2


Die Antinomie

Weithin unbekannt ist beispielsweise, dass bereits in den 30er Jahren des 20.~Jahrhunderts im Rahmen der sogenannten Russel’schen Antinomie bewiesen wurde – man kann hier nicht genug betonen: bewiesen, nicht vermutet, angedacht oder untersucht, sondern klar und eindeutig, man möchte meinen \emph{für alle Zeiten} – bewiesen wurde, dass kein logisches System je in sich geschlossen – man könnte stärker metaphorisch gesprochen auch sagen \emph{wasserdicht} sein kann.

Was beinahe klingt wie ein religiöses Statement der grundsätzlichen Idee des Teufels, ist in Wahrheit nicht mehr als eine der grundsätzlichsten Eigenschaften unsere mikroskopischen materialistischen Welt. Die These fordert nach unserem logischen Verständnis beinahe zwingend das Konzept der Anti-These. Die Abgrenzung von Gegenteiligem zu- und voneinander ist eine der Grundfesten des Denkens und des ihm zugrundeliegenden Weltverständnisses. Dies ist sogar so grundlegend, dass Erkenntnis ohne diese Konzepte und Kategorisierungen schwer vorstellbar ist.

Zeitweise versteigt man sich dazu, dass die These ohne die Antithese gar nicht als solche identifizierbar ist, dass schwarz nicht ohne weiß, Licht nicht ohne das Dunkel, gut nicht ohne das Böse, Gott nicht ohne den Teufel denkbar – oder nur erkennbar – ist?

Die Russel’sche Antinomie wird, im Urtext formal anspruchsvoll, gerne mit einem Bild illustriert.

Man denke sich eine Bibliothek. Im ersten Schritt besteht nun die Aufgabe darin, Kataloge der Bücher die Bibliothek anzufertigen – also eine Kategorisierung, eine Schubladenbildung vorzunehmen.

Nun stellt sich heraus, dass man unsauber gearbeitet hat. Einige der Kataloge enthalten \emph{alle} Bücher der Bibliothek, also auch die anderen Kataloge und auch insbesondere sich selbst. Andere umfassen die Kataloge nicht, sondern nur die ursprünglich vorhandenen Bücher.

In einem zweiten Schritt will man Ordnung in diese Diskontinuität bringen. Also sollen zwei weitere Master-Kataloge geschaffen werden, von denen einer die Kataloge umfasst, die Kataloge beinhalten; der nur die Kataloge, die keine Kataloge, sondern nur die ursprünglichen Bücher beinhalten.

Die Vorschrift für den ersteren ist also: dieser Katalog enthält alle Kataloge, die sich auch selbst enthalten. Für den zweiten: dieser Katalog enthält alle Kataloge, die sich nicht selbst enthalten.

Betrachtet man diese Situation nun mit scharfem Blick, stößt man auf folgenden unauflöslichen impliziten Widerspruch:

Der Katalog, der alle Kataloge umfasst, die auch sich auch selbst enthalten, muss auch sich selbst enthalten, denn er ist auch selbst ein Katalog, und zwar ein solcher, der alle Kataloge enthält, die auch sich selbst enthalten. Soweit, so gut.

Jedoch kommt beim anderen das Problem: der Katalog, der alle Kataloge umfasst, die sich \emph{nicht} selbst enthalten steht vor einem unlösbaren impliziten Dilemma: Er gehört selbst zur Gruppe der Kataloge, die sich nicht selbst enthalten. Da er damit aber alle Kataloge umfassen muss, die sich nicht selbst enthalten, \emph{muss er sich selbst enthalten}, genau, weil er sich nicht selbst enthält. Wenn er sich aber selbst enthalten würde, würde er nicht mehr nur Kataloge umfassen, die sich nicht selbst enthalten, sondern in seiner eigenen Entität einen Katalog enthalten, der sich selbst enthält, was gegen seine Aufgabe verstößt.

Das Dilemma ist unauflösbar. Aus einem diesem Bild analogen Konstrukt schließt Russel, dass jedes logische System in sich instabil und widersprüchlich ist – komme da was wolle.

Wir haben hier nun natürlich verschiedene Systematiken angewandt, die zu dem abgebildeten turbulenten Durcheinander führen:

  • die Negation: wir sprechen vom Gegensatzpaar: sich selbst enthalten und sich nicht selbst enthalten
  • Kategorienbildung über mehrere Ebenen: wir abstrahieren zweimal und bilden zweimal neue Kategorien
  • Rekursivität: die Vorschrift sich selbst enthalten oder nicht enthalten ist selbstbezüglich und damit rekursiv

Die Russelsche Antinomie umfasst also mehrere Schritte und Konzepte, die durchaus verdächtigt werden dürfen, mit der umwälzenden Grundaussage der Antinomie in Zusammenhang zu stehen. Denn unangenehm wäre es, würde man eine so grundlegende Aussage über die Welt und die Logik des Menschen treffen und wären die resultierenden logischen Konsequenzen gänzlich hausgemacht!

Daher sollten wir untersuchen, oder wenigstens andeutungsweise uns den Gedanken öffnen, die ein wenig Klarheit in diese Vorgänge bringen könnten. Es ist nicht ausgeschlossen, dass das sich offenbarende Problem aus der Kombination dieser drei komplexen Vorgänge resultiert.

Kategorien

Offenbar tut Kategorienbildung nicht gut. Denn einer der deutlichen, weil zweimalig angewandten Mechanismen der Russelschen Antinomie ist die zweimalige gestaffelte Bildung von Kategorien.

Bei etwas genauerer Betrachtung wird klar: die Unterscheidungen, die der Mensch bei der Beobachtung der Welt allzu gerne vornimmt, die Bildung von Kategorien oder banaler gesagt ‘Schubladen’, in die er dann streng unterscheidend und an ihren vermeintlichen Grenzlinien hart trennend die Dinge einzuordnen gedenkt, sind wohl ein probates Mittel zur Sortierung und Zuordnung mit dem Ziel der Aufbewahrung im begrenzt unbestechlichen Gedächtnis. Doch ohne weitere kritische Skepsis wird diese zunächst rein pragmatische Mentaltechnik zur weiterführenden und Erkenntis versprechenden Erkenntnistechnik umgewidmet – etwas, wofür sie nie gedacht war, sondern nur historisch so entstanden und verwendet wurde –, nur, um fortan offenbar kontinuierlich Probleme zu gebären.

Denn die Welt ist mehrheitlich ein Kontinuum, ihre unterscheidenen Merkmale beständig durch Widersprüchliches gebrochen. Zunächst unlösbar erscheinende Grundfragen illuminieren die Situation. “Ist der Mensch gut oder böse?”, “Sind die Menschen gleich oder verschieden?”, “Ist die Welt endlich oder unendlich?” man möchte ironisierend hintanfügen “Ist der Mensch weiß oder schwarz?”

Denn bei Licht besehen mag die Antwort nie für das eine oder das Andere ausfallen, sondern in allen Fällen “Sowohl als auch!” lauten.

Auch andere Fragen entziehen sich nur bei einer gewissen Grobschlächtigkeit nicht dem Betrachter. “Was ist Leben?” gehört hierzu sicherlich demzufolge ebenso “Wann beginnt Leben?”. Die Definitionen zur Aufteilung der belebten Welt in Species und einen ganzen Baum von Hierarchien gehört ebenso hierhin, wie mutmaßlich zahllose andere Versuche, weitgehend kontinuierliche Phänomene in der Welt in eine strenge preußische Ordnung zu engen.

Auch hier bei Licht besehen mag die Antwort sein, dass es keine gibt, weil jede Antwort herkömmlicher Couleur eine entschiedene Unterscheidung erforderte, die aber in der Sache nicht angemessen ist, sie vorzunehmen.

Verweilen wir noch einen Augenblick bei den Kategorien. Schon Sokrates wusste und lies sich zu der finalen Erkenntnis hinreißen, dass er in Wahrheit ‘nichts’ wisse. Diese Erkenntnis kann leicht gewonnen werden, sobald man versucht die Dinge bis auf den Grund zu durchleuchten. Widersprüche tun sich auf, die Kategorien beginnt zu verschwimmen, bald löst sie sich weitgehend in Wohlgefallen auf.

Die Welt hat offenbar nicht vor den einfachen menschlichen Unterscheidungen zu folgen. Sie gelten scheinbar nur im begrenzten Umfeld der menschlichen Alltagserfahrung. Entfernt man sich von ihr, schreitet man von der pragmatischen zur analytischen Denkweise, verliert sie nicht selten erschreckend schnell an Wertigkeit.

Kontinuität

Weitere Fragen dieser Art sind: “Ist der Mensch ein geistiges oder ein animalisches Wesen?” “Ist der Mensch Tier oder Gott?” “Ist der Mensch Weise oder Dumm?”

Diese Fragen können nicht nur nicht entschieden werden, weil in der Gemeinschaft der Menschheit für jede Antwort ein Beispiel zu finden wäre! Sie können auch mit dem Blick auf das Individuum nicht beantwortet werden, denn auch jeder Mensch ist zugleich geistig und animalisch, Tier und Gott, weise und dumm.

Man mag diese Unterscheidungen zu treffen versuchen, doch der Wahrheit näher bringt einen die Trennung der Dinge nicht. Vielmehr scheint mehr Wahrheit in ihrer Vereinigung zu liegen, die Akzeptanz der Kontinuität, die Erkenntnis der Untrennbarkeit der einen Dinge von den Anderen, mögen sie auch noch so gegensätzlich erscheinen.

Damit ist dem auf Unterscheidung, Trennung und Analyse basierenden Paradigma scheinbar ein grundsätzliches Schnippchen geschlagen, scheint diese den harten Wissenschaften so lieb und zugrunde liegende Technik doch in ihrem Sinn teilweise ausgehebelt. Doch nicht so schnell! Denn letztlich ist auch diese These und Überlegung erneut nur eine analytische Trennung in falsch und richtig, gut und schlecht. Doch auch diese Trennung ist erneut ein Trugschluss. Denn enthalten doch alle Dinge wiederum zugleich Unterscheidendes wie Vereinendes. Beide Eigenschaften sind zugleich enthalten und damit beide wahr und wenn sie einander widersprechen scheinen auch zugleich falsch.

Dieses Spiel lässt sich offenbar endlos wiederholen. Auch auf jeder neuen Abstraktionsstufe finden wir erneut dieselben Strukturen vor und müssen erkenntnislos von dannen ziehen.

Es bleibt, dass die Kategorienbildung zur Gliederung und praktischen Unterscheidung und Bezeichnung der Dinge gute Dienste leistet. Doch der vollautomatisch vollzogene Schluss, es handele sich bei diesen pragmatischen Unterscheidungen auch um tatsächliche objektive Entitäten, trifft offenbar nicht zwingend zu. Manchmal natürlich schon, manchmal aber auch nicht. Der Walfisch ist hier erneut ein taugliches Beispiel: dass er dem Namen nach ein Fisch sein soll, trifft mit seiner wahren Natur nicht unter allen Betrachtungswinkeln zu.

Scheinbar wären wir gut beraten mit dem Ziel der Erkenntnis auch eine andere, weniger kategorisch trennende Logik zu verwenden, auch wenn die Aussagen dadurch zunächst weniger scharf zu werfen scheinen. In der Informatik bedient man sich der Fuzzy-Logic, um Grauzonen und Übergangsbereichen abzubilden und behandeln zu können. vielleicht ist ein derartiges Konstrukt auch in der Wissenschaft zum die Realität besser abbildenden Erkenntnisgewinn hilfreich.

Selbstbezug

Doch auch das nur unter Vorbehalt. Denn die uns so selbstverständlich und alltäglich begegnende Verneinnung ist das nächste Konzept, das in Verdacht steht, die Russelsche Antinomie zu befeuern, mithin unseren Erkenntnisgewinnung auf tönernen Füßen erscheinen zu lassen.

Nicht

Das Konzept des Gegenteils, der Verneinung bringt dabei aber gleichzeitig scheinbar ein Element in die Welt, das jede Logik implizit zu Einsturz bringen muss. Dabei scheinen Kategorien, die Unterschiedliches und eben auch besonders Gegenteiliges voneinander scheiden, mit dem Konzept des Gegenteils eng verflochten!

Dieser Umstand deutete sich bereits an, als zur Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert Gottlob Frege daran gescheitert war, die Mathematik auf eine in sich geschlossene und lückenlose Logik zu gründen. Was Frege noch nicht verstand, aber bereits ahnte, bewies Russel zwei Dutzend Jahr später: dieses gesamte Unterfangen, welches Frege zu seinem Lebenswerk stilisiert hatte, ist nach Russel prinzipiell aussichtslos!

Das bedeutet auch, das die Mathematik, so sehr sie auch heute dazu beiträgt physikalisches Wissen kontrolliert und berechenbar in technische Anwendung umzusetzen und dabei eine prognostische Genauigkeit zu erreichen, die den Rahmen der menschlichen Erfahrungssphäre so weit sprengt, dass dieses Vorgehen als nicht weniger als ein voller Erfolg genannt werden kann und sollte, dass diese Mathematik in der Tat auf eine prinzipiell nicht geschlossene Logik baut und einfacher gesagt auf Sand gebaut ist.

Ein erstaunlich stabiles Gebäude angesichts dieses Fundaments! Es ist vor diesem Hintergrund höchst erstaunlich, dass ein System wie die Mathematik und die mathematische Logik, das per se und a priori fehlerbehaftet zu sein scheint, trotzdem so erstaunlich weit tragend fehlerfrei funktioniert! Dies ist so nicht zu erwarten, da solche hausgemachten Fehler eines Systems in der Regel an späterer Stelle im System zu dramatischen unerwarteten Problemen und Inkonsistenzen führt.

In dem Rahmen, in dem die menschliche Forschung seit nunmehr Jahrhunderten agiert, treten derartige Probleme jedoch nicht wahrnehmbar auf. Als Erklärung für jene fehlenden Probleme denkbar wäre, dass gerade die Mathematik, die bis zum Äussersten streng und deduktiv arbeitet, sich selbst ein Stück weit vor unerwarteten Spätfolgen ihres Geburtsfehlers immunisiert, indem sie eine chaotische Selbstähnlichkeit in ihrer Struktur durch strengsten Determinismus aushebelt. Aber dies ist nur eine Vermutung.

Fehlerhaftigkeit Selbstverschuldet?

Man beachte, dass die oben geschilderte Metapher für die Russelsche Antinomie bereits in ihrer Voraussetzung einen impliziten Fehler enthält!

Die Rede ist davon, dass Kataloge von allen Büchern erstellt werden sollen. Dann passiert der Fehler: einige Kataloge enthalten sich selbst (weil auch ein Katalog ein Buch ist) andere nicht (weil ein Katalog eben auch kein Buch der ursprünglichen Bibliothek ist). Hier wird also eine Inkonsistenz in den Vorgang gebracht, man muss sich nicht wundern, wenn eine solche hausgemachte Problematik sich später im Vorgang wieder zeigt, indem nach zweimaliger Kategorienbildung sich ein unauflösbarer Widerspruch ergibt.

Die Logik des Menschen

Umso erstaunlicher ist vor diesem Hintergrund die selbstbewusste Auskunft von Werner Heisenberg, die Logik des Menschen sei die Logik des Universums. Auch wenn Bescheidenheit ohnehin nicht gerade die hervorstechendste Tugend jener Zeit und seines Landes damals war, so erinnert diese Auskunft doch ehr an religiöse Selbstüberschätzung, denn an wissenschaftlichen gebotenen Skeptizismus.

Freilich gaben die Erfolge der Quantenmechanik, bis heute die best”=funktionierende und erfolgreichste physikalische Theorie aller Zeiten, die mit dem Mikroprozessor und der gesamten Quantenoptik erhebliche technische Entwicklungen begründet und eingeleitet hat und an der Heisenberg grundlegenden und maßgeblichen Anteil hatte, genug Anlass zu einer selbstbewussten Interpretation der Stärke der Mathematik als Werkzeug zur Beschreibung der Welt. Andererseits hat gerade Heisenbergs Unschärferelation genau die deterministisch prognostischen Fähigkeiten der Mathematik in eben diesem Feld an ihre scheinbaren prinzipiellen Grenzen beim Erkenntnisgewinn über die konkrete mechanistische Welt geführt.

Denn gerade die Unschärferelation – die im Kern besagt, dass die gleichzeitige Bestimmung von Ort und Energie eines subatomaren, also hinreichend quantenmechanisch kleinen Partikels prinzipiell unmöglich ist, mithin, dass konkrete Erkenntnis auf dieser Ebene in einer prinzipiellen Unsicherheit der Welt versumpft und in Wahrheit konkrete Eindeutigkeit eine Illusion der makroskopen Welt unserer Erfahrung darstellt – hat besonderen Anteil daran, dass die Quantenmechanik anders als andere physikalische Theorien einen stark statistischen Charakter hat. Es werden keine konkreten Aussagen mehr getroffen, nach dem Schema was-wann-wo, sondern nur noch wahrscheinlichkeiten für räumliche und energetische Werte berechnet, die sich nur über eine Vielzahl von Teilchen statistisch wieder zu jenem systematischen und regelhaften Verhalten vereinen lassen, die die makroskopische Welt unserer Erfahrung uns bietet. Denn aufgrund der beschriebenen Unsicherheit, die absolut prinzipieller Natur zu sein schient, also insbesondere nicht nur den Rang einer mangelnden Fähigkeit zur genauen Messung oder Erkenntnis hat, gewinnt die Welt auf der untersten bekannten Ebene ein nicht zu unterschätzendes Maß an Unfassbarkeit, vielleicht sogar kreativ chaotischer immerneuer erfinderischer Struktur, die beständig aus dem Zufall heraus neue Dynamik gebiert!

Die Frage ist nun, ob Heisenberg mit seiner anmaßenden antropozentrischen Haltung, dass der Mensch die Logik des Universums erkannt und sich zueigen gemacht habe, trotzdem Recht behalten kann. Immerhin ist eine bloße arrogant erscheinende Attitüde kein Kriterium zur Bewertung wissenschaftlicher Wahrheit. Wollen wir also hinter seine Behauptung ein Fragezeichen setzen und sie zu ‘Ist die Logik des Menschen die Logik des Universums?’ umformulieren.

Das ‘Tertium non Datur’ der Quantenmechanik

Tertium non Datum bedeutet frei übersetzt, es gibt kein Drittes. Gemeint ist folgendes: es gibt logisch nur wahr und falsch, nichts sonst.

Die Quantenmechanik kennt aber jenes Dritte, jenen Zustand zwischen entschiedenem Ja oder Nein. Es ist der Zustand von Schrödingers Katze, solange unklar ist, ob sie tot ist oder lebt. Sofern der Prozess, ein völlig zufälliger ist, wie der des Zerfalls eines Radionuklids, ist ohne Beobachtung der Status unklar, unentschieden, nicht Ja, nicht Nein, sondern dazwischen. Hier gibt es also ein Drittes, ein Unbestimmtes, ein Tertium.

Die Logik dagegen verstellt sich diesem Dritten und macht zu ihrer Grundlage, zu ihrem Grundsatz, dass es kein Drittes gibt ‘Tertium non datur’. Geht hier die Logik in ihrer Grundfeste fehl? Sagt uns die Natur, dass die Beobachtung allein festlegt, welchen Ausgang die Entscheidung hat und es tatsächlich eine proto-Situation gibt, eine nicht getroffene Entscheidung solange es keine Beobachtung dazu gibt? Ist das entschiedene ‘Tertium non datur’ der verfrühte Sündenfall der Logik, die Ignoranz des Tatsächlichen, wie die Quantenmechanik nicht nur vermutet, sondern klar so vorfindet, in Theorie wie in Praxis. Der Tunneleffekt ist nur einer der klaren Beweise für diese Unentschiedenheit, die ‘Unschärfe’ der Natur auf der Ebene des Kleinsten.

Aus Falschem folgt Beliebiges

Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Logik ist diese: die inhaltliche Korrektheit einer aus einer Aussage abgeleiteten Schlussfolgerung hängt – auf Gedeih und Verderb – von der inhaltlichen Richtigkeit der Aussage ab. Denn logisch korrekte Aussagen lassen sich auch dann korrekt bilden, wenn die inhaltliche Korrektheit der Aussagen nicht gegeben ist. Die Logik gibt eine Struktur vor, ist selbst aber kein Garant für die Inhalte auf die diese Struktur angewandt wird. Formal ist der logische Schluss dann zwar korrekt, inhaltlich aber nicht zwingend. Die Logik ist gleichsam die Grammatik, zu unterscheiden von den Wörtern selbst. Es lassen sich auch Sätze bilden, die grammatikalisch völlig korrekt sind, inhaltlich jedoch die Gegebenheiten der Welt schlicht unzutreffend abbilden. “Der Wal flog über die Wolken” ist ein solcher Satz. Grammatikalisch ist dagegen nichts einzuwenden, inhaltlich wissen wir, dass diese Beschreibung keinen Sinn macht, da Wale nicht fliegen.

Doch es kommt noch schlimmer! Aufgrund dieses Umstandes lassen sich auch aus falschen Annahmen logisch korrekt gebildet Schlussfolgerungen ableiten. Diese Schlussfolgerungen sind aufgrund ihrer schlechten Gene nicht selten ebenfalls falsch, zuweilen jedoch auch zufällig richtig. Das bedeutet, während inhaltlich korrekte Aussagen logisch korrekt verknüpft zu inhaltlich korrekten Schlussfolgerungen führen, können inhaltlich falsche Aussagen logisch korrekt zu wahlweise falschen oder richtigen Schlussfolgerungen führen. Es soll schon vorgekommen sein, das aus falschen Ursachen heraus richtige Dinge geschlussfolgert oder sogar getan wurden. Sogar falsche Schlussweisen sind im Falle falscher Annahmen ‘erlaubt’, den auch diese können aus falschen Inhalten wiederum falsche oder richtige Schlussfolgerungen ergeben. Freilich: mit Logik hat dies dann nicht mehr viel zu tun, sondern im Falle der Unabsichtlichkeit eher mit ‘Irrtum’, im Fall der Absichtlichkeit mit ‘Lüge’, ‘Manipulation’ oder ‘Rhetorik’.

Denken wir einmal diabolisch: Der Schlüssel zu argumentativer und rhetorischer Freiheit ist mithin die Annahme einer falschen Grundvoraussetzung. Wahrheit schränkt durch logische Schlussformen alle daraus abgeleiteten Aussagen – die ebenfalls dann als wahr gelten dürfen, denn nur das ist Sinn und Zweck und Daseinsberechtigung der Logik – auf wahre Aussagen ein. Die Unfreiheit besteht also in der Eingrenzung auf die Beschränktheit der der wahren Dinge.

Erst die Annahme von Falschem eröffnet durch – dann freilich sinnlose und rein rhetorische – Anwendung logisch korrekter Schlussfolgen und damit die volle Wahlfreiheit auf der Seite der ‘abgeleiteten’ Folgerungen. Wer mit anderen Worten sich nicht viel aus Wahrheiten macht, sondern seine Aussagen eher nach Nützlichkeit wählt und darüber hinaus gerne mit dem schönen Schein der logisch korrekten Ableitung falsches aber nützliches zu Dritten bringen will, der schränkt sich durch \emph{wahre} Grundannahmen geradezu unfreiwillig selbst ein. Erst die Annahme, ein Wal könne fliegen, ermöglicht die argumentativ saubere Behauptung, er könne auch mit einem Flugzeug zusammenstoßen. Eine absurde und falsche Annahme lädt geradezu dazu ein, beliebig Nützliches daraus deduktiv korrekt abzuleiten. Ein machtvolles Mittel bei der Manipulation argloser Menschen.

Betrachtet man nun die Schlussfolgerungen, die im Laufe der Geschichte aus der Annahme der Existenz höherer göttlicher Wesen abgeleitet wurden, wie viele offenkundig falsche Aussagen im Rahmen von Theologie und Scholastik logisch aus dem Gottesbegriff hergeleitet wurden, fällt es schwer, dieses Konzept nicht in die Tradition jener rhetorisch nützlichen, weil in ihren Schlussfolgerungen extrem flexiblen Grundannahmen zu sehen.

Mann muss nicht zwingend soweit gehen, diesen logischen Umstand und die schiere Anzahl der offenkundig falschen aus der Existenz Gottes abgeleiteten und ableitbaren Folgerungen zu einer Art Anti-Gottesbeweis zu stilisieren. Doch wenigstens der umgekehrte Sinn ist zulässig.

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siehe auch:

Logik ist unlogisch

Wissenschaft, Weltgeist und Gott

Geschichte oder nicht

Logik der Sprache

Propaganda qua Sprachregelung