Was ist die Holy Trinity noch wert?

Die Heilige Dreifaltigkeit der Uhrenwelt: PP, AP, VC

Die Idee der Holy Trinity, also der ‘heiligen’ Dreifaltigkeit der Top Uhrenhersteller, also der unanfechtbare, praktisch heilige Status von Patek Philippe, Audemars-Piguet und Vacheron Constantin, ist im Grunde überholt. Veraltet. Heute nahezu bedeutungslos. Außer freilich, in deren Preispolitik.


…lies mehr über Uhren in: Luxusuhren


Noch immer verlangt man enorme Preisaufschläge etwa zur Zeit für eine Stahl Nautilus 80.000 €. Das ist natürlich vollkommen grotesk. Denn in Wahrheit ist die heilige Dreifaltigkeit der Uhrenwelt kaum mehr mehr als ein schöne Erinnerung.

Qualitativ sind die drei von A. Lange überholt. Unter Kennern der höchsten Höhen der Uhrmacherkunst ist ein Faktum hinter vorgehaltener Hand bekannt: Patek Philippe ist in Kunstfertigkeit und technischer Brillanz der Gipfel des Vorstellbaren, ist im Hinblick auf die handwerkliche Perfektion und die technische Elaboriertheit unübertroffen – außer… von A. Lange. A. Lange aus Sachsen in Deutschland spielt zwar nicht in derselben Liga, weil es keine Schweizer Uhrenfirma ist, schon gar nicht aus Genf, sondern eine Deutsche. Aber Gesamtweltlich betrachtet, global, ohne einen Schweizer Fokus, der Qualitativ, der Handwerkskunst nach, der Präzision nach, der patentierten technischen Exzellenz nach, hat Lange Patek praktisch überholt. 0:1 gegen die Heilige Dreifaltigkeit.

Im Ansehen sind die drei von Rolex überholt. Rolex schafft den unglaublichen Spagat, einen Massenmarkt von über 1 Mio Uhren pro Jahr zu bedienen und trotzdem als selten, elitär, Luxus zu gelten und zugleich in diesem Massenmarkt und darüber hinaus bekannt zu sein als die renoumierteste und luxuriöseste und teuerste Uhrenmarke der Welt. Das ist freilich alles falsch, weder ist man das erste noch das zweite und schon gar nicht das Dritte. Und doch weiß jeder Mensch überall auf der Welt, was Rolex ist und vermutet mangels genauerer Kenntnis alle drei Superlative. Damit gelingt Rolex der Spagat zwischen Masse und Klasse aufs perfekteste, wie auch der zwischen Luxussegment und Masseninteresse, wie auch der zwischen Hochpreisigkeit und Nichtverfügbarkeit. Rolex ist wie Porsche: jeder will eine, obwohl niemand wirklich eine braucht. Wer war nochmal Patek? Aude… wer? Va… never mind.

In der Preisstruktur sind Sie von Richard Mille überholt. Freilich ist es nicht schwer eine teuere Uhr anzubieten. Schwer ist, eine teuere Uhr zu diesem immensen Preis zu verkaufen. Und freilich nicht nur eine. Schon immer gab es Mini-Manufakturen, etwa F.P. Journe oder andere komplett unbekannte Künstler, die Uhren, regelrechte Einzelstücke mit teils zweifelhaften Fähigkeiten zu Unsummen verkauft haben. Aber die Heilige Dreifaltigkeit kombinierte immer jene extreme Hochpreisigkeit mit der Schlichtheit und Stilsicherheit des Mainstreams, man baute Uhren, keine mechanischen Wunderwerke, die eine Unzahl an sinnlosen Komplikationen boten. Und dann kam Richard Mille. Und bot mechanisch brillante Uhren zu völlig extremen Preisen an, Anfangs um die 80, später über 200 und heute bis zu 900 Tausend Euro – pro Uhr. Und das mit einem Kaugummi-Automaten-Look, der sie zugleich provokant, extravagant, unverkennbar und absurd macht. Aber erfolgreich. Auch hiegegen ist Patek nicht mehr preislich die oberste Liga, sondern nur noch hochpreisig und konventionell.

In der inneren Struktur ist die altbekannte Reihenfolge Patek, AP und Vacheron auch nicht mehr gültig. AP hat sich längst an die Spitze gesetzt, wiewohl man freilich darüber streiten kann, wer mehr handwerkliche Brillanz und Finesse ins Uhrengehäuse bringt. AP ist sowohl, was die Bedeutung angeht – Rettung der gesamten Schweizer Uhrenindustrie durch die Idee der Royal Oak, die Marktpräsenz und Bekanntheit – in der Nachfrage schickt sich AP an, eine Art Rolex der High Horology zu werden, in der Produktentwicklung – während Patek noch immer Uhren fertigt, die aussehen, wie zu Großvaters Zeiten und davor, treibt AP die Mode der Uhren voran und ist Vorreiter in Punkto Design, Sportlichkeit und Aussehen.

Man kann also viele Aspekte ins Feld führen, die belegen, dass AP klammheimlich die Nummer eins unter diesen Dreien geworden ist. Patek mag immer noch hohe handwerkliche Kunst in Perfektion sein, aber AP auch. Und in allen anderen Aspekten…

Bleibt Vacheron. Problem Nummer eins ist hier, dass Patek und AP noch immer in Familienhand sind, Vacheron Constantin aber seit 1996 zum Richemont (Reichenberg) Konzern gehört. Und zudem ist VC sowas wie das dritte Rad am Wagen, nicht so Brilland wie Patek, nicht so provokant wie AP. Was macht VC einzigartig? Und genau die Leerstelle auf diese Frage, mag der Grund sein, weshalb VC nach fast 250 Jahren Firmengeschichte sich 1996 in finanzielle und konzeptionelle Abhängigkeit begeben musste… was VC letztlich nicht mehr als Mitglied der Heiligen Dreifaltigkeit qualifiziert. Zwar ist Eigenständigkeit kein Muss, aber wo Patek und AP und sogar Rolex und Breitling noch immer ihre eigenen Herren sind, geht es nicht an, dass ein Mitglied der Dreifaltigkeit fremden Herren gehorcht. Das kollidiert mit Individualität, Unverwechselbarkeit, der Idee der Manufaktur mit maximaler Fertigungstiefe für maximale Kontrolle der Qualität und Handwerkskunst und damit mit allem, was im Uhrengeschäft Bedeutung hat.

Und entsprechend ist VC in diesen Tagen auch nicht so wertstabil wie Patek und AP. Man ist das Dritte Rad am Wagen, ein weiterer Sargnagel im Konzept der Heiligen Dreifaltigkeit, die seit geraumer Zeit ein stabiles und schlagkräftiges Drittes vermisst.

Technisch gab es mit Jaeger-LeCoultre schon immer einen Hersteller, der die Heiligen Drei mit Uhrwerken belieferte und entsprechend technisch auf derselben Höhe, wenn nicht darüber rangierte. Immerhin entwickelte und liefere man die Werke für die Heiligen Drei. JLC wäre wahrlich ein Anwärter, ebenso wie A. Lange, das schwächelnde Dritte Glied Vacheron Constantin zu ersetzen, wenn…

…ja, wenn die Heilige Dreifaltigkeit noch eine wirkliche Bedeutung hätte, was sie offensichtlich, wie wir darstellen konnten, nicht hat. Sie ist eine überkommene Struktur, eine Selbstbeweihräucherung der Schweizer Uhrenindustrie aus Genf, die hauptsächlich deshalb bestehen bleibt, vermutlich bis in alle Ewigkeit, oder wenigstens so lange diese Hersteller existieren und Uhren bauen, weil sie gänzlich gegenstandlos geworden ist. Ein Mythos, ein Bembel ohne Wert, eine schöne Geschichte, geeignet dazu, Preise in die Höhe zu treiben aber nicht viel mehr

Die heutige Heilige Dreifaltigkeit der Uhrenindustrie ist: A. Lange, Richard Mille und Rolex. Die in Brillanz erstarrten Großmeister des letzten Jahrhundertes, Patek Philippe, Audemars-Piguet und Vacheron Constantin müssen sich zu Jaeger-LeCoultre und Berguet, zu Ulysse Nardin und * in die Riege der großen alten Könner zurückziehen, die den Zug der Zeit aber zum Großteil verpasst haben.

Einzig AP kann noch mithalten, ist aber aufgrund von Qualitätsmängeln bei der Robustheit der filigranen Uhrwerke und ihrer exorbitanten Servicekosten ebenfalls jenseits des heute technisch machbaren und vom Markt erwarteten.

Freilich sind Patek, AP und Vacheron Constantin noch immer brillant, sensationell gut, von einem Perfektionismus beseelt, der seinesgleichen sucht.

Und doch: was den Perfektionismus angeht, hat A. Lange auf- und überholt. Was die Brillanz und Leuchtkraft angeht ist Rolex vorn. Und allein die Qualität… nun, die bekommt man auch bei Rolex für nicht 20.000 Euro, sondern für weniger als die Hälfte.

Die Idee der heiligen Dreifaltigkeit ist eine Idee die sich selbst überlebt hat. Diese drei Hersteller sind heute nach wie vor exquisite Hersteller hervorragender mechanische Uhren. Aber auch nicht mehr mehr als das. Auch wenn sie sich selbst beständig als die Creme de la Creme feiern, so ist dies doch offenkundig Vergangenheit.


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