Inception (2010)

Inception (2010)

Heute ist es ja schon schwierig einen unverbrauchten Filmtitel zu finden. Wenn man das geschafft hat stellt sich die Frage: sieht es so aus, wenn man dem Wahnsinn verfällt? Wenn man nicht mehr unterscheiden kann oder will was real und was Vision oder Traum ist?


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Nolan dreht dann eben doch mal wieder einen James Bond – nachdem The Dark Knight auch schon einer war. Einen? Drei in einem. Nur durch die radikale Schnitttechnik, die mitten in die Szenen springt und sie oft kurz vor ihrem legitimen Ende auch schon wieder hastig verlässt wurde es irgendwie möglich, drei Filme – die absurderweise in weniger als 10 Sekunden Filmzeit stattfinden – in kurzweilige 148 min zu pressen.

Ebenso wie bereits in Memento hat dieser besondere Schnitt einen filmischen Sinn: in Memento wurden die Szenen in umgekehrter also a-chronologischer Reihenfolge aneinander geschnitten, sodass der Zuseher dasselbe Gefühl hatte, wie die Hauptfigur: nicht zu wissen, was gerade eben passiert war. Die Ursache für diese Unkenntnis war zwar bei Zuseher und Leonard eine andere, das Ergebnis aber verblüffend das gleiche. Ebenso macht Nolan es in Inception. Der Zuseher wird teilweise zusammenhangslos mitten in Szenen geworfen, von denen er ebenso wie die Akteure manchmal nicht weiß, ob es Wachen oder Träumen ist. Diese Form des ‘Nachfühlens’ der Situation macht die große Kunst Nolans aus, ist die zentrale Kunst der ‘Traumfabrik’ Hollywood im Ganzen – man zeige dem Zuseher durch die Mittel des Films Dinge, die er sonst niemals erleben würde.

Es resultiert eine geistige Achterbahnfahrt der Sondergüte. Was ist Traum, was Realität? Das hatte zuletzt nur Matrix mit seiner technologischen Sci-Fi-Traumwelt so packend und ins Mark verunsichernd vermitteln können. ‘Denkst Du es ist Luft, die Du gerade atmest?’ fragt Morpheus Neo und jeder, der versteht hält im Zuschauerraum instantan den Atem an. Ganz ebenso wird einem beinahe schwindelig, wenn Cobb seinen Lena Meyer-Landrut-Verschnitt als Traumtänzerlehrling darüber aufklärt, dass sie gerade schläft und er in ihrem Traum herumspaziert um sie in die höheren Techniken der Traum-Architektur zu unterweisen. Leichtes Völlegefühl im Magen, leichte Gleichgewichtsstörungen im Innenohr, obschon fest auf dem Kinostuhl sitzend. Achterbahn, Gefühlsinduziert. Inception.

Inception ist ähnlich wie Camerons Titanic zweigeteilt. Doch wo einst Cameron mit einer herzzerreißenden Liebesgeschichte beginnt und in einem fulminanten Katastrophenfilm endet, bietet Inception in der Exposition eine veritable eigenwillige komplexe Welt aus Träumen, Techniken, abstrakten Ideen und psychologischen Einsichten, nur um im zweiten Teil in einen Action-Dauerorgasmus zu münden, der von Hans Zimmers Musik so profund untermauert wird, als wollte er die Mauern von Jericho unter diesen Posaunen zum Einsturz bringen. Sagenhaft! Der Zimmer Hans hätte sich für den Soundtrack ohne Frage den Richard-Wagner-Preis in Gold verdient – wenn es den gäbe.

Ansonsten kann man nicht viele Worte über den Film verlieren. Nolan hat alles handwerkliche richtig gemacht: perfekter Cast, perfekte Schauplätze, hervorzuhebend perfekte Filmmusik von Spezl Hans Zimmer, der seit ersten Auffälligkeiten in Rain Man sehlig immer für das Besondere gut ist… was noch?

Ein bisschen zu perfekt freilich. Wie schon The Dark Knight ist alles so durchdacht, so doppelbödig, so verkopft, so wahnwitzig, dass es erschlägt. Das Open End so unausweichlich und damit vorhersehbar, wie die offen bleibende Frage, was genau das Geheimnis hinter Leo ‘Cobbs’ Frau wirklich ist. Steht uns da schon Inception 2 – Rückkehr ins Alptraumland bevor?

Ist seine Frau Mal (komische Namen dabei, er heißt Dom sie Mal) je eine reale Person gewesen oder hat er sie von Anfang an nur in seinen Träumen ‘erträumt’? War sie von Anfang an Ausgeburt seines im Kern aggressiven und frustrierten Unterbewußtseins. Ein Traumbild, eine Projektion seiner Sehnsüchte, die sich verselbständigt hat? Ist das die Wahrheit, dass sie (also der Teil seines Unterbewußten, den sie repräsentierte) nicht ertragen konnte, dass sie nicht wirklich real war? Hat sein Unterbewußtsein sich in Teilen gegen ihn gestellt? Im Traum funktioniert alles anders, weil man jede Person selbst ist.

Di Caprio anyway mimt einmal mehr den gebrochenen Agenten, wie schon in The Departed, Der Mann, der niemals lebte und Blood Diamond absolut perfekt und reichlich charismatisch, womit er nach Zusammenarbeiten mit Spielberg (Catch me if you can), Cameron (Titanic), Scorcese (Shutter Island und vor allem The Departed) und nun Nolan – fehlt eigentlich nur noch Fincher – nun wohl endgültig zur Nummer 1 in Hollywood aufgestiegen sein dürfte. Man glaubt es nicht, dieser Bubigesichtige Girlie-Schwarm. Aber zurecht.

Und nur in einer kurzen Sequenz erinnert Nolan dann doch zu sehr an klassischen James-Bond-Quatsch: die Verfolgungsjagt auf Skiern gegen Snow-Mobile und Skifahrer mit automatischen Waffen haben wir schon gesehen und das ärgerliche, jeder erschossene wird instantan wie in der Muppet-Show durch seinen Abziehbild-Nachfolger ersetzt auch schon. Das hätte er sich sparen können. Anonsten: Applaus Applaus Applaus.

Just One More Thing: Auch JayLo verirrte sich schon einmal in den Träumen eines anderen. Und das gar nicht so schlecht. Doch wie sehr unterscheidet sich The Cell vom absolut überirdischen Inception. Wie sehr.


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