Der Herr der Ringe (2001-2003)

Der Herr der Ringe

Unzweifelhaft sollte nun jedem klar sein, woher die Intention zu Star Wars ursprünglich kam und warum J.R.R. Tolkiens Buch bislang als unverfilmbar galt.


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Natürlich muss man etwas über dieses Projekt des Jahrzehnts sagen. Immerhin haben die Arbeiten zu diesem dreiteiligen Film über 7 Jahre gedauert. Und so wurde nun auch dieses klassischste Urwerk (nicht Uhrwerk bitte) der Fantasy-Erzählung endlich auch in die Kinos gebracht und damit näher an medialen Konsum und kulturellen Kommerz gerückt, als es J.R.R. Tolkien, der Autor des zugrundeliegenden Buches je für möglich gehalten hätte. Tolkien selbst hielt das Buch nämlich für eine persönliche Spinnerei, ein für seinen eigenen Zeitvertreib und Realitätsflucht betriebenes Hobby, das niemand je lesen wollen würde. Er hat es für sich selbst geschrieben, allenfalls für ein paar Unentwegte, die die Vorgeschichte ‘Der Hobbit’ (ein Kinderbuch) mit einiger Freude gelesen haben. Doch das Werk geriet außer Kontrolle und mutierte unter der Feder des Sprachwissenschaftlers Prof. Tolkien zu einem gigantischen Sagenwerk von unerreichter Authentizität und Komplexität und einer wundervoll altmodischen und eleganten Sprache. Tatsächlich hat Tolkien mit dem Herrn der Ringe nicht weniger als das Genre der Fantasy erst erfunden. Freilich gab es vorher Märchen, Fiction a’ la Jules Verne und Sagen. Doch die Einbettung magischer Geschichten in eine komplette alternative Welt mit teilweise anderen Naturgesetzen, diesen geschlossenen Alternativentwurf einer Realität, die gute Fantasy bis heute ausmacht, das hat erst Tolkien mit dem Herrn der Ringe in das Oeuvre des Kulturschaffens eingeführt. Und nun hat der Unerwartetste von allen, der Neuseeländer Peter Jackson diesen heiligen Gral der Phantasie-Geschichten in Bilder verwandelt.

zum Buch Der Herr der Ringe

Eine fundierte Vorbereitung und ziemlich hohe Werktreue haben diesen Versuch so weitgehend gelingen lassen, dass der Film seinen Platz im Olymp der Filmgeschichte reserviert hat - unzweifelhaft. Das aber nicht zuletzt auch, weil Tolkiens Story so wundervoll überzeugen kann und selbst die Kinofassung noch eine Spur der Tiefe und Schönheit des Buches spüren lässt. Während der Film in den Kinos lief wurde das Buch mit den Worten beworben: ‘Das Buch des Jahrhunderts’. Und das trifft ins Schwarze, sogar im dreifachen Sinn, falls das den Wahrheitsgehalt noch zu steigern vermag: Erstens, weil es vielleicht das innovativste und zugleich faszinierendste, breiteste und offenste Buch ist, das je geschrieben wurde und damit zu den sicherlich bedeutendsten kulturellen Werken des 20. Jahrhunderts zählt. Zweitens, weil es eine enorme Leserschaft gewinnen konnte und es mit seinen moralischen und weltanschaulichen Details großen Einfluss ausgeübt haben dürfte und nicht nur in der Hippie-Bewegung viele Anhänger fand. Und drittens und nicht letztens, weil es mit seiner Schilderung eines großen Krieges mit all seinen Facetten, mit Leid und Würde, mit Führern und Antreibern, mit Hass und Ehre, mit Loyalität und Ränke, mit Zerstörung und Unzerstörbarem das zentrale Ereignis des 20. Jahrhunderts, nämlich den großen Krieg von 1914 bis 1945, in einer intellektuell geprägten und stark abstrahierten Reflektion wiedergibt, die ohne Parallele ist.

Der Film ist eine gelungene Visualisierung, deren Werktreue jedoch nicht ganz perfekt ist. Allerdings zugegebenermaßen auch viel perfekter, als man es befürchten hätte können. Für die Idealisten: Nur ein Film, der das Buch ohne jede Änderung 1:1 wiedergibt wäre wirklich diesem Meisterwerk angemessen gewesen. Aber der Aufwand der bereits für diese 10 Stunden Film getrieben wurde, ist derart exorbitant, dass mehr wohl einfach nicht machbar war. Machbar wäre zwar vielleicht gewesen, die völlig unnötigen Änderungen im Drehbuch zu vermeiden, wie z.B. die charakterliche Verbiegung Faramirs, die überaus schmerzt, weil sie so überflüssig ist. Ebenso wie die hinzugekommenen Storyelemente, etwas Aragorns Unfall und Sarumans verfrühtes Ableben. Außerdem hat Jackson aus vielen bloßen Andeutungen Tolkiens, aus deren Vageheit das Buch ein Gutteil seiner suggestiven Faszination bezieht, platte Realitäten gemacht, was der Geschichte schadet, weil es das Denken und die Phantasie des Publikums beschneidet und zu sehr in eine Richtung lenkt. Und unendlich schade: dass man Saurons Dunkelheit zugunsten einer gut sichtbaren Demonstration der Fähigkeiten der digitalen Effekt-Abteilung völlig vergessen hat. Natürlich wirkt der Film im Ganzen hektischer, mehr auf Dramatik angelegt und weniger beschaulich als das Buch - das liegt nicht zuletzt im Medium selbst begründet.

Letztlich sind solche Versatzstücke zwar nebensächlich genug um sie im unendlichen Ozean dieses Epos und seiner Laufzeit zugunsten der vielen sehr gelungenen Elemente verdrängen zu können, doch sie geben der im Ganzen doch sehr un-hollywoodesken Handlung einen Hauch jener Abgeschlossenheit, die Tolkien bewusst zugunsten seiner endlos und somit real erscheinenden Welt vermeiden wollte. Doch auch Peter Jackson und seine Drehbuchschreiberin konnten offenbar nicht umhin, sich den Konventionen Hollywoods etwas zuzuneigen. So unbedeutend es wirken mag, so grandios und unglaublich aufwändig dieser Film gelungen ist, so sehr schmerzt es doch den intimen Kenner des Buches, die ‚Wahrheit’ Tolkiens so verbogen zu sehen. Man ist hin und her gerissen zwischen der Pracht des Dargebotenen und diesen kleinen Störenfrieden.

Auch kann man über die Balance der Storyelemente streiten. Ob nicht etwa die Schlacht um Helms Klamm zu heftig und breit ist und dagegen die große Endschlacht auf den Feldern des Pelenor fast schon zu klein wirkt. Ob nicht etwa der erste Teil sehr schön ausführlich ist und man zum dritten Teil hin - vermutlich um einen vierten zu vermeiden - nicht ziemlich ins Hudeln kommt. Wer freilich das Buch - selber schuld - noch nicht gelesen hat, hat hier den Vorteil, dass er den Film als solchen völlig unvorbelastet genießen kann, eine Sichtweise die der Autor hier leider nicht anbieten kann.

Apropos Kinofassung: Merchandizing und Geldmacherei sei dank findet sich jeder der drei Teile des Films in zwei Versionen: der Kinofassung und der Special Extended Edition. Hier gilt die Losung: Extended Edition ist gut, Kinofassung ist böse. Ich muss wohl nicht weiter betonen, dass die Kinofassung nach meiner Meinung einfach zu viele wichtige Details vermissen lässt und dass die einzig wahre und empfehlenswerte Version selbstredend die Special Extended Version ist. Die zusätzlichen Szenen wirken mitnichten störend oder hineingeschnitten, schon gar nicht wie wieder aus dem Müll gefischt, wie etwa bei der sogenannten Special Edition von Terminator 2. Völlig offenbar ist, dass die Extended Edition die wirklich vollständige Fassung ist und, will man böse sein, die Kinofassung nur ein sehr überlanger und kostenpflichtiger Trailer für diese zu verstehen sein dürfte.


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